... bleibt nichts für Lust übrig – außer Frust
Wir reden ständig über Lust. Über Libido, Begehren, Erotik, über „man müsste nur…“ und „früher war das anders“. Aber weißt du, was Begehren am zuverlässigsten killt? Keine Unlust. Sondern Last. Diese unsichtbare, permanente Dauerverantwortung, die so normalisiert ist, dass Frauen sie oft erst bemerken, wenn sie sich innerlich schon ausgezogen haben – emotional, nicht erotisch.
Während ER die Steuererklärung auf morgen verschiebt, Blumen kauft, wenn er daran erinnert wird, und sich beim Thema Gefühle elegant in die innere Hängematte legt, jongliert SIE längst sechs offene Baustellen, drei To-do-Listen und die Psyche aller Beteiligten. Und wenn dann die Welt endlich organisiert, beruhigt, moderiert und beschwichtigt ist, soll sie bitte im Spitzenbody antanzen und knistern wie ein Erotik-Feuerzeug auf Knopfdruck.
Die romantische Illusion: „Du musst dich nur fallen lassen“
Ja. Wohin denn bitte? Zwischen Excel-Listen, Arztterminen, Schulaufführungen, Einkauf, Steuerbescheiden, Elternkommunikation, Psychoservice fürs innere Kind des Partners und dem Gefühl, dass, wenn sie loslässt, einfach alles stehen bleibt und keiner merkt’s?
Mental Load ist kein feminines Hobby und keine Charaktereigenschaft. Es ist das unsichtbare Betriebssystem der Familie, der Beziehung, ja, manchmal sogar der Verwandtschaft. Und dieses System läuft meistens auf einem weiblichen Server – ohne Wartung, ohne Upgrade und ohne Anerkennung.
Frauen sind heute Partnerinnen, Therapeutinnen, Eventmanagerinnen, Animateurinnen, Familienarchivarinnen, Krisencoaches, Kalenderserver, Konfliktentschärferinnen und ja – selbstverständlich auch noch Geliebte, wenn möglich mit erotischem Bonusprogramm. Nur dumm, dass Lust kein Trockenfutter ist, das man zwischen zwei Verantwortungsakten einwirft.
Wenn Sex zur Zusatzleistung der Care-Arbeit wird
Begehren ist kein Lichtschalter. Es entsteht, wenn Kopf, Körper und Raum nicht vollgerümpelt sind mit „Wer denkt an…?“ und „Falls du nachher…“ und „Ich hab dir eh noch…“. Lust lebt nicht zwischen Einkaufsliste und Paartherapie, sondern dort, wo Autonomie, Leichtigkeit und Unverfügbarkeit wohnen. Also da, wo Frauen selten hinkommen – weil sie längst als Projektmanagerinnen des Alltags mitlaufen.
Dass sich Männer dann eine Geliebte suchen (oder wahlweise eine Frau mit weniger Kontrolle über sämtliche Lebensbereiche), ist keine Überraschung. Nicht wegen Erotik, sondern wegen Entlastung. Die Geliebte ist im Zweifel nicht zuständig für Steuer, Schwiegermutter, Familienchats und seelische Erste Hilfe. Sie darf „nur“ Frau sein – nicht Chief Executive of Everything.
Und während sie am Sonntag noch strahlt, wird die Ehefrau zuhause gefragt, ob sie nicht entspannter sein könnte – am besten im Dessous, mit Lust, die sie irgendwo verlegt hat zwischen Klassenfahrt und Kassenbon.
Der größte Feind der Erotik?
Verantwortungsmonopol
Lust entsteht nicht beim fünften „Kannst du noch schnell…?“. Wer alles trägt – emotional, organisatorisch, mental, sozial – hat irgendwann die Hände so voll, dass kein Körperteil mehr übrig bleibt fürs Begehren. Romantik ist schwierig, wenn du innerlich noch die Steuer-ID vom Partner verwaltest und weißt, wann seine Mutter Geburtstag hat.
Und nein, Paargespräche über Entlastung helfen nur dann, wenn nicht auch noch die Gesprächsmoderation, das Feedbackprotokoll und die emotionale Nachbearbeitung wieder bei ihr landen.
Es ist eine stille Übereinkunft: sie hält Herz, Hirn, Haushalt und Psychen am Laufen – und er hält sich für engagiert, weil er beim Müll runtertragen nicht vergisst, den Schlüssel mitzunehmen.
Der Mythos „Wir müssen nur reden“
Witzig. Reden ist auch Arbeit – und wer startet das Gespräch? Wer erkennt überhaupt, dass etwas angesprochen gehört? Wer hat gleichzeitig die Übersicht über Wochenpläne, Sorgenlevel, zwischenmenschliche Spannungen, Schulferien, Schwiegerväter, Kita-Schließtage, Versicherungsfristen und den emotionalen Wetterbericht des Partners?
Richtig.
Und während sie glaubt, sie müsse das alles im Griff behalten, um sich sicher zu fühlen, wundert er sich, warum ihre Libido nicht von selbst aufpoppt wie ein Werbefenster. Dabei ist der Deal unausgesprochen klar: Wer Verantwortung trägt – für Gefühle, Termine, Abläufe, Unsichtbares – der trägt sie auch ins Bett. Und da liegt sie wie ein Handgepäckkoffer zwischen den Körpern
Was wirklich erotisch wäre?
Nicht die Rose. Nicht das Spitzenhöschen. Nicht das vorsichtige Fragen, ob sie „wieder mehr Nähe spüren möchte“.
Erotisch ist:
- wenn er seine Familie selbst organisiert, ohne Projektleitung.
- wenn er Termine kennt, ohne Erinnerung.
- wenn er Emotionen sortiert, ohne seelische Sekretärin.
- wenn er weiß, wo das Scheiß Formular liegt.
- wenn sie nicht zuständig ist für seine Mutter, seinen Kalender und sein Nervensystem.
Erotisch ist, wenn Frauen nicht erst zusammenbrechen müssen, damit Männer merken, wie viel sie tragen.
Fazit: Wer Last nicht teilt, braucht über Lust nicht reden
Libido ist kein Zaubertrick und keine Paaraufgabe für nach Netflix. Sie ist ein Symptom – für Freiheit, Gleichwertigkeit, Eigenraum. Wer statt Geliebter dauernd Lebensmanagerin ist, hat keine Energie mehr für Begehren. Punkt.
Wir müssen nicht über Lust reden.
Wir müssen über Zuständigkeiten reden.
Über Verantwortung. Über Selbstverständlichkeit. Über Rollen, die keiner gewählt hat, die aber trotzdem wie Netflix-Abos weiterlaufen.
Erst wenn wir den mentalen Dauerlauf beenden, kann überhaupt wieder etwas wie Lust entstehen. Nicht als Leistung, sondern als Lebenslust. Nicht als Pflicht, sondern als eigenes Begehren.
Und ja – das ist keine Paaraufgabe.
Das ist ein Aufstand.
