Der Markt regelt gar nichts – warum der Gender Pay Gap kein Zufall ist

Eine junge Frau und ein Mann sitzen angespannt auf einem Sofa in einem abendlichen Wohnzimmer. Der Mann hat seine Hand auf einem Stapel Euro-Geldscheine und Kreditkarten in einer geöffneten Mappe, die Frau blickt besorgt nach unten.

„Wenn Frauen weniger verdienen, dann müssen sie halt besser verhandeln. Oder etwas anderes arbeiten. Der Markt regelt das.“

Klingt logisch.
Ist aber ein Denkfehler.

Denn der Markt ist kein neutrales System. Er ist ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Werte – und die hängen in manchen Bereichen immer noch irgendwo zwischen den 1950ern und „das haben wir schon immer so gemacht“.

Die Folge: Bestimmte Arbeit wird hoch bezahlt. Andere kaum.
Und erstaunlich oft sind genau die Berufe schlechter bezahlt, in denen besonders viele Frauen arbeiten.

Was der Gender Pay Gap bedeutet

Der Gender Pay Gap beschreibt den Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Einkommen von Männern und Frauen.

Der aktuelle Wert liegt laut Statistik Austria bei etwa 18 %.

Das bedeutet nicht, dass Frauen für exakt denselben Job automatisch weniger Geld bekommen. Der Unterschied entsteht vor allem durch mehrere Faktoren:

  • Frauen arbeiten häufiger in schlechter bezahlten Branchen
  • sie übernehmen öfter Care-Arbeit und arbeiten häufiger Teilzeit
  • Führungspositionen sind noch immer überwiegend männlich besetzt
  • typische „Frauenberufe“ werden strukturell schlechter bezahlt

Der entscheidende Punkt dabei: Diese Unterschiede entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis von gesellschaftlichen Strukturen.

Frauenarbeit gilt als selbstverständlich – nicht als wertvoll

Pflege.
Erziehung.
Soziale Arbeit.
Organisation.

Überall dort, wo Frauen überdurchschnittlich vertreten sind, wird häufig weniger bezahlt.

Weil diese Arbeit weniger anspruchsvoll ist? NEIN. Weil sie lange als „natürlich weiblich“ betrachtet wurde.

Empathie.
Fürsorge.
Beziehungskompetenz.

Das sind Fähigkeiten, ohne die kein Krankenhaus, keine Schule und keine Familie funktioniert. Aber auf der Gehaltsabrechnung tauchen sie kaum auf. Denn wir leben in einem System, das immer noch Folgendes belohnt:

Härte über Fürsorge.
Technik über Menschlichkeit.
Output über Wirkung.

Das Ergebnis? Frauen halten den Laden am Laufen – oft mit leerem Akku und deutlich kleinerer Geldbörse.

„Der Markt“ – das sind Menschen, keine Naturgesetze

Der Markt denkt nicht.
Der Markt fühlt nicht.

Der Markt bewertet das, was wir als Gesellschaft bewerten. Und solange Führungsetagen, Gehaltsstrukturen und Rollenbilder mehrheitlich männlich geprägt sind, bleibt auch die Bezahlung männlich geprägt. Das ist nicht unbedingt böser Wille.

Aber es ist ein altes Muster. Und alte Muster lösen sich selten von selbst auf, nur weil jemand sagt: „Der Markt wird das schon regeln.“

Der Denkfehler dahinter

Ein beliebtes Argument lautet: Wenn Frauen weniger kosten, müssten Unternehmen doch nur noch Frauen einstellen. Tun sie aber nicht.

Warum? Weil Geld nicht der einzige Faktor ist.

Macht spielt eine Rolle.
Status spielt eine Rolle.
Netzwerke spielen eine Rolle.

Und irgendwo im kollektiven Hinterkopf sitzt immer noch ein alter Satz: „Er führt. Sie unterstützt.“ Genau dieser Satz wirkt bis heute – oft unbewusst. Und er verschwindet nicht von allein. Er verändert sich erst, wenn wir beginnen, ihn zu hinterfragen.

Im Kleinen.
Und im System.

Was heißt das für dich als Frau?

Es bringt wenig, sich dauerhaft darüber aufzuregen.
Es bringt aber sehr viel, die Spielregeln zu verstehen. Und zu verändern.

Hier ein paar Impulse:

1. Kenne deinen Wert – nicht nur deinen Lohn

Schreib dir einmal auf, was du wirklich leistest.

Fachlich.
Organisatorisch.
Emotional.

Viele Frauen unterschätzen ihren Beitrag, weil ihnen das, was sie tun, selbstverständlich erscheint. Erst wenn du deinen Wert klar siehst, kannst du ihn auch vertreten.

2. Sprich über Geld

Tabu-Themen stabilisieren alte Systeme.

Sprich über Gehälter.
Frag nach.
Vergleiche.

Nicht, um dich zu messen. Sondern um zu verstehen, wo du stehst.

3. Lerne, unbequem zu werden

Wenn du spürst: Das passt hier nicht.

Dann sag es.

Nicht jammernd. Sondern klar.

Viele Strukturen beginnen sich erst zu bewegen, wenn jemand mutig genug ist, sie auszusprechen.

4. Such dir Verbündete

Frauen, die sich gegenseitig stärken, verhandeln anders.

In Netzwerken.
In Teams.
In Unternehmen.

Gemeinsam lässt sich oft mehr bewegen als alleine.

5. Versteh das größere Bild

Wenn du unterbezahlt bist, liegt das nicht automatisch an dir.

Es liegt oft an einem System, das weibliche Arbeit seit Jahrzehnten unterschätzt.

Das zu verstehen, entlastet.
Und es eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit, aktiv etwas zu verändern.

5 Anzeichen, dass du Teil dieses Systems bist

  • Deine Arbeit wird als selbstverständlich angesehen
  • Du bekommst mehr Aufgaben, als deine Rolle vorsieht
  • Lob kommt, Bezahlung bleibt hinterher
  • Du merkst, dass du für Organisation und Fürsorge extra Energie gibst, ohne dass sie sichtbar anerkannt wird
  • Du zweifelst, ob du genug forderst

Wenn du mehrere Punkte erkennst, bist du im System angekommen und kannst jetzt bewusst gegensteuern.

Was Unternehmen tun können

A female executive stands at the head of a boardroom table during a high-stakes meeting, symbolizing the glass cliff phenomenon in a modern office setting.
  • Transparente Gehaltsstrukturen schaffen
  • Führungskräfte für Bias (unbewusste Vorurteile) sensibilisieren
  • Karrierepfade so gestalten, dass Teilzeit, Care-Arbeit oder Elternzeiten nicht automatisch zum Karriereknick führen
  • Kompetenzen neu bewerten: Empathie, Kommunikation, Beziehungsarbeit gehören bezahlt – nicht belächelt

Fazit

Solange Arbeit nach alten Maßstäben bewertet wird, wird sich am Gender Pay Gap wenig ändern. Aber jede Frau, die:

  • ihren Wert kennt
  • ihre Stimme erhebt
  • sich vernetzt

dreht aktiv an diesem System.

Also ja: Der Markt regelt gar nichts. Aber wir schon.

Copyright © [2024] Sabine Buiten

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